Das Buch

Beispiele für kreative Kommunikation

„Behandelt Menschen so, als ob sie schon so wären, wie ihr sie haben wollt – es ist der einzige Weg, sie dazu zu machen.“ Johann Wolfgang von Goethe

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Schwäche oder Stärke?

Ein Student jobbt in einer Spedition im Hamburger Hafen. Er ist von eher schmächtiger Natur. Zunächst lädt er seinen LKW voll schwerer Kisten, um sie schließlich allein und ohne technische Hilfe im Hamburger Hafen wieder zu entladen. Beim Anliefern wird er von zwei großen und kräftig gebauten  Hafenarbeiten beobachtet, die grinsend den Abladevorgang erwarten. Sicher bereitet es ihnen einige Freude, dabei zu­zusehen, wie sich unser Student abmühen wird.

Der Student geht auf das Verhalten geschickt ein. Er zerrt mit angestrengtem Gesicht an den Kisten, als könne er sie kaum bewegen. Daraufhin erbarmen sich die Hafenarbeiter: „Geh’ mal zur Seite Kleiner, wir zeigen dir mal, wie so etwas geht“, und entladen voller Stolz, ihre Kraft zur Schau stellen zu dürfen, zunächst zwei, dann drei und im weiteren Verlauf schließlich alle Kisten, während sich der Student in Lob und Bewunderung nicht zurückhält. In dieser Geschichte haben alle gewonnen und sicher niemand verloren.

Kraft gegen Worte oder: Die Kraft der Worte

Ich hatte vor einigen Jahren ein Erlebnis, was sich tief in mein Gedächtnis eingegraben hat. Sie wissen ja: je emotionaler ein Ereignis besetzt ist, so sicherer bleibt es Teil unserer lebens-langen Erinnerung.

Ich fuhr mit meinem Auto innerhalb einer „Tempo-30-Zone“ und suchte mir auf der anderen Straßenseite einen Parkplatz. Es handelt sich um jene Art Parkplätze, die in einem Winkel von 90 Grad wie die Zinken eines Kammes an der Straße angeordnet sind. Ich prüfte, ob die Gegenfahrbahn frei ist (da ich diese überqueren musste), habe schon fast eingeparkt, als auf der Gegenspur ein Fahrzeug knapp neben mir eine Vollbremsung absolvierte. Der Schreck saß tief, hatte ich mich doch vergewis­sert, dass die Spur auch wirklich frei war. Da der Fahrer aus einer Einmündung (mit guter Sicht zumindest nach links und Vollgas) auf die Hauptstraße nach rechts aufbog, war 20 Meter weiter jeder vom anderen völlig überrascht.

Nun parkte ich ein, der Fahrer des anderen Autos jedoch fuhr mit Vollgas und einer weiteren „heißen“ Bremsspur in einen der anderen freien Parkplätze. Als ich aussteigen wollte und hinüber­ sah, packte mich das Entsetzen: der Fahrer tobte und wütete derart heftig, dass ich annahm, er entschied sich extra meinetwegen und der Tatsache, dass ich ihn zum Stehen gebracht hatte, für eine kleine „Pause“.

Die nun folgenden Szenen müssen sich in Sekunden abgespielt haben, mein Zeitempfinden war im Zustand akuter Bedrohung sicher verzerrt. Mann sprang aus dem Auto, schrie laut in meine Richtung, entfaltete seine ganze Größe und rannte genau auf mich zu. Sein Körperbau ließ mich deutlich erkennen, dass er einige Stunden täglich in den Aufbau seiner Muskeln investierte.

Blitzschnell kam mir der Gedanke der Flucht, aber es war schon zu spät. Dafür lief er viel zu schnell. In diesem Moment wagte ich schließlich die „Flucht nach vorn“, nahm allen Mut zusam­men, lief ihm ebenfalls entgegen und redete unüberhörbar auf ihn ein: „Ich kann es kaum fassen, dass Sie so blitzschnell reagiert haben. So eine brillante Reaktion habe ich überhaupt noch nicht erlebt. Hätten Sie nicht so genial gebremst, wäre mit Sicherheit etwas passiert. Ich nehme an, die Autos wären Schrott, ganz zu schweigen von uns beiden. Sind Sie Stuntman von Beruf, der seine Kräfte mit seinen Sinnen so perfekt abstimmen kann? Das kann man doch unmöglich lernen. Ich kann mich bei Ihnen nur bedanken. Danke, dass Sie uns wahr­scheinlich das Leben gerettet haben. Danke, dass Sie blitzschnell und geistesgegenwärtig reagiert haben. Danke, Danke, Danke.“

Ich habe es einfach ignoriert, dass er aufgebracht und sauer war. Ich habe weitergeredet, weil ich wusste, im „Kräftemessen“ gegen ihn hätte ich keine guten Chancen gehabt. Als ich fertig war mit meiner Rede, begann ich sicherheitshalber gleich noch einmal von vorn und wiederholte mit dem gleichen Engagement die eigenen Worte.

Der Mann stand starr und fast regungslos vor mir, er ruderte noch etwas mit den Händen, schwieg, schaute mir leicht verwirrt in die Augen, drehte sich schließlich um und sagte etwas leise: „Bitte“. Kopfschüttelnd ging er nun zu seinem Auto, ver­schwand darin und setzte seine Fahrt fort. Er war von meiner Reaktion überrascht. Möglicherweise war er nicht darauf vorbereitet, dass ich mich bei ihm bedanken werde. Doch was wäre passiert, hätten wir uns gegenseitig die Schuld für die Situation zugeschoben? Was nützt mir selbst heute noch die Illusion, dass ich im Recht war?

Copyright: Reyk-Peter Klett

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