Liebe Freunde und Geschäftsfreunde,

gesellschaftlich wie persönlich erleiden wir gerade einen kollektiven „Kontrollverlust“. Unsere Selbstverständlichkeiten fliegen uns um die Ohren und wir finden uns fast stündlich in einer neuen, noch stärker herausfordernden Lebens-Situation wieder.

In kurzer Zeit lernen wir neues Verhalten (Abstand halten, nicht direkt ansprechen, Ruhe bewahren, nicht so viele Hamster kaufen 😉) und die gegenwärtige Bedrohung erscheint uns nicht real, nicht greifbar. Unser Gehirn kann lineare Entwicklungen gut verarbeiten, exponezielle deutlich weniger. Viele hocken nun auf engem Raum in verordneter Nähe/ Distanz aufeinander oder besser miteinander, das birgt Konfliktpotenzial, mindestens ungewohnte Situationen. Unausgesprochene Dinge oder manche Genervtheit kann nun aufbrechen – das kennen manche auch von Feiertagen.

Distanz und Nähe verlieren überhaupt ihre gewohnten Bezugsmaße/ Bezugspunkte. Aktionismus kann sich entwickeln aufgrund der FASSUNGslosigkeit (wir können es schlecht fassen, obwohl das“anfassen“ in engeren Sinne genau das Problem ist). Einige Möglichkeiten, die auch für die Zusammenarbeit in Teams bzw. im Umgang mit Stress hilfreich sind, gelten auch in der Corona-Krise (die Begrifflichkeit ist aus meiner Sicht zu mild und sollte besser heißen: „tödliche Virus-Infektion“ – vielleicht hätten wir dann weniger lebensgefährliche „Corona-Partys). Es ist nämlich auch eine Zeit, in der sich manche Egoismen und Ich-Bezogenheiten auflösen müssen und auflösen werden. Schließlich hat nicht nur die Generation Z in permanenter Wohlstands-Prägung so etwas noch nie erlebt.

Gedanken zum Zusammenleben zu Hause:

  • Teilen Sie in der Familie Erwartungen mit, niemand kann hellsehen.
  • Finden Sie eine recht klare Tagesstruktur, diese ist nicht selbstverständlich und muss wechselseitig erarbeitet, gelegentlich auch erstritten werden.
  • Tun Sie Dinge gemeinsam (Essen kochen, aufräumen), tun Sie gemeinsame Dinge (spielen), verbringen Sie bewusst wertvolle Zeit miteinander UND sorgen Sie in gleicher Weise für Zeiten, in denen Sie sich etwas aus dem Weg gehen, d.h. zurückziehen können (das ist kein Widerspruch, es ist kein „entweder oder“, sondern ein „sowohl als auch“)
  • Geht es Ihnen nicht gut, dann helfen Sie anderen Menschen (das wissen wir aus der Depressionsforschung). Knüpfen Sie Hilfs-Netzwerke, möglichst mit Abstand.
  • Hat jemand in der Familie gerade einen harten Job, ist er dringend zu schützen – in jeder Beziehung! Ist das nicht der Fall, dann denken Sie bitte an und reden Sie über die enorme Belastung, denen diese Menschen gerade langfristig ausgesetzt sind. Das relativiert!
  • Rituale helfen, Ordnung in unklaren Situationen zu schaffen.
  • Geben Sie nicht anderen Familienmitgliedern permanente Aufträge „Jetzt hast du doch endlich mal Zeit,den Schrank zu reparieren/ den Keller aufzuräumen!“
  • Respektieren Sie unterschiedliche Arten anderer, mit dieser Situation klarzukommen. Reden Sie nicht so viel, lassen Sie reden.

Gedanken für uns selbst

  • Akzeptieren Sie, was ist („hätte, könnte, würde, müsste“ führt schnell zu Endlosschleifen sowohl im Gehirn als auch in der Kommunikation).
  • Geben Sie sich selbst die Erlaubnis, auf diese kritische Lebenssituation zunächst mit Angst, Unverständnis, erster Ratlosigkeit zu reagieren – das darf sein und ist kein Zeichen von Schwäche. Negative Gefühle an sich sind kein Problem, die Schwierigkeit besteht leider zu oft darin, die abzulehnen und genau damit halten wir sie unbewusst fest.
  • Suchen Sie gezielt und zeitlich eingeschränkt nach Informationen zur Bedrohungslage und lassen Sie weder Radio noch Fernsehen ganztägig in „Dauerschleife“ laufen
  • Bewegen Sie sich ausreichend, finden Sie machbare sportliche Aktivitäten, das baut Stress ab und führt zu einer besseren Stimmungslage.
  • Arbeiten Sie in überschaubaren zeitlichen Abschnitten an etwas Wichtigem, Bedeutsamen, denn dieser Teil könnte nun durch die fehlende Arbeit in unserem Job nicht mehr oder nur sehr unzureichend „besetzt“ sein.
  • Leben Sie allein, dann suchen und halten Sie gezielt Kontakt zu anderen über das Telefon oder soziale Medien (Vorsicht: Emotionen, Meinungen können sich in manchen Formen unangemessen hochschaukeln) oder schreiben Sie auf, was Sie bewegt mit dem Ziel, in 3 – 5 Jahren in diesen Aufzeichnungen gespannt zu lesen.
  • Finden Sie Zeiten der inneren Ruhe. Gelingt das nicht, dann üben Sie sich im Erlernen innerer Ruhe. Lenken Sie sich nicht vorschnell ab und nehmen Sie in Kauf, dass es nicht sofort gelingt bzw. erst einmal innerlich „laut“ wird.

Reyk-Peter Klett, 20. März 2020